Sobald die Tage nicht mehr damit beginnen, dass das gleißende Licht der Morgensonne durch die Fensterscheibe fällt und sich die Strahlen glitzernd und fluoreszierend im Badezimmerspiegel brechen, sobald also der Herbst anfängt und damit die triste Saison des Jahres eingeläutet wird, schillern die Kleider in den Schaufenstern umso prunk- und glanzvoller. Weihnachten ist noch einige Wochen entfernt, da sollen wir uns also schon feierliche Kleider wie ein amerikanischer Weihnachtsbaum – oder aber, wie nun in vielen Kollektionen der aktuellen Winter-Saison zu sehen war, wie Andersens Kleine Meerjungfrau. Pailletten in allen erdenklichen Nuancen von Jade über Dunkeltürkis bis Tannengrün, aber auch Gold und Perlmuttsilber schimmern auf Röcken und Kleidern um die Wette, so gesichtet bei Talbot Runhof, Blumarine und Cavalli. Mit Nixenschuppen dekoriert dürfen wir in diesem Winter also aus dem Haus gehen – warum sich glitzernde Texturen dieser Art aber niemals in den Sommerkollektionen 2012 der Designer finden lassen, wird oft damit erklärt, dass wir uns eben erst, sobald die Tage kürzer werden, nach lichtreflektierenden Oberflächen sehnen und uns, wenn schon die Sonne selten hervorkommt, wenigstens modisch betrachtet mit etwas Glanz und Gloria aufheitern möchten.

Doch ist diese Modeerscheinung nicht möglicherweise eher damit zu begründen, dass wir im Winter viel weniger Möglichkeiten haben auf uns aufmerksam zu machen? Auffallend selten begegnen einem bei 30°C im Schatten Frauen in glamourös-verlockenden Paillettenkleidern. Wozu auch: Bikini und Shorts verführen ausreichend. Sobald die Temperaturen jedoch sinken, entpuppt sich dieses Anliegen als denkbar schwieriger, ein Minikleidchen aus Wolle hat schließlich noch nie wirklich sinnlich ausgesehen.

Der Wunsch nach Schimmer bleibt: Der Paillettenlook ist eine alljährlich wiederkehrende Modeerscheinung, und dabei letztlich vielleicht doch nur Ausdruck unserer menschlichen Tiertriebe: wir wollen glitzern, weil Glitzer verführt. Den Beweis für diese These liefert ein Blick auf die Mode der Männer gleich mit dazu: dort hat es noch nie einen wirklich einflussreichen Paillettentrend gegeben.